Geschichten aus Alt-Seewen

Erzählungen von Willy Auf der Maur

1. Alt Seebä

2. "Heiligi" und Original vo Alt Seebä

3. Mid em Seffi im "Wilde Seebä"

4. Schwimm- und Badekultur in Alt Seewen

5. Mit Seffi auf den Haggen

 

 

 

 

1. Alt Seebä

's Dorf Seebä, i de Drissgerjahre, bestahd i min-ere Erinnerig zum grosse Teil us ere gäche Strass und us em viereggige Schuelhusplatz .... mim Läbesruum us der früehste Jugendziit.

D'Strass - d' Bieneheimstrass, wo früehner Siechebachstrass gheisse hed - isch us hert gwalztem Sand, Lehm und Chies gsii, wie alli andere Wäg und Strässli. Diä Verbindigswäg hend meistens wie Emmetalerchääs uusgseh. D'Vögel hend sich a de nasse Tage i grosse und chliine Gunte chönne bade, in-ere wunderbare, schöne, bruune Brüeh. All paar Wuche isch de Strassemeister mit emene höche Zweiredercharre erschiene, hed Chies und Sand verrüehrt und diä Löcher so guet wie möglich gflickt.

Wenn mer sich au allgemein über die staubige Strasse ufgregt hed, bsonders diä wo e wiite Chilewäg gha hend (mänge hed nu underem Vorzeiche mit em Nastüechli de Dräck und Staub vo de schwarze Schuehne putzt), so hend diä Gasse doch au wieder ihre Reiz gha. Soo im Summer, wenn sich es Gwitter überem Talchessel entlade hed. Bi de erste schwäre Tropfe, wo richtige chlini Krater i Strassestaub ine gschlage hend, sind mier hei gsprunge, hend üsi wiite, schwarze Pelerine mit de grosse Kapuze über d' Schultere grüehrt und sind barfuess uf d' Strass zrugg grännt. 's warm Rägewasser hed sich mit em Staub bereits zu mene sammetweiche Schlamm vermischt, wo üs wohlig um d' Füess umegstriche und zärtlich zwüschet de Zeche ufe quällt isch.
Mit de blutte Füess hed mer denn au versuecht 's Wasser, wo unkontrolliert d' Strass durab z'laufe cho isch, z'bändige, hend da e Ast oder es Hüfeli agsammlets Laub ewägg gschobe, det mit em grosse Zechä es Gräbli zeichnet, wo 's Wasser hätt sölle i diä nächst Tole ine leite. Mängisch hed mer au Unfug tribe, isch voll in ene Gunte ine gumpet, wenn grad e Gspane verbi gloffe isch oder hed 's Wasser, statt abgleitet, zu mene möglichst grosse See uufgstaut. Vom Wasser, dervo hend mier Seebnär nämlich immer öppis verstande. Warum, das chan-ich üch jetzt nid säge: das wär vom Thema abgschweift.

D'Strasse vo Seebä hend zu dene Ziite nu üs Chinde ghört. Auto sind ja so z'säge keine cho und wenn öppe d'Fanny vom Hasli derhär z'trabe cho isch, de Vater Büeler mit sim grosse gschwungne Schnauz stolz uf em Fahrersitz vom Break, hend mier nu lang Ziit gha, üsi Spieli churz z'unterbräche. Erst rächt, wenn de Vater Horet vo der Stärnematt, e stille, bedächtige Maa mit eme grosse, schlohwisse Bart, sis Leiterewage-Mäni über d'Strass dirigiert hed.

Eis vo üsne liebschte Strassespieli isch 's Chugele gsi. Bi dem Fasteziit-Spiel hed Eine e Glesig gsetzt und sii Mitspieler hed denn versuecht de farbig Glesig mit de Chugeli z'träffe. Rechts und links vo der Bahn, wo mer mit em Schuehspitz i Dräck ine zeichne hed, isch immer es interässierts Publikum ghuuret.


Es wiiters Spieli, wo sich uf de Strasse abgspielt hed, isch 's Reifle gsii. Mer hed e flache Iisereife vo mene Holzfass gha und derzue es churzes Stäckli. Mit dem hed mer de Reife aa-tribe und gleited. Ich sälber han-e schwäre Iisering gha, wo weniger gumpet und drum au weniger vom Wäg abcho isch. Derfür isch er mer einisch uf der Bieneheimstrass abb und mit Krach is Gingang ine tätscht. Iehr hättid sölle de Schueler gseh, wien-er us em Barrierewärterhüsli use z'schiesse cho isch. Ich ha aber mii Ring nu möge packe und dervo springe, bevor 's Unheil über mich hed chönne bräche.

Im Winter hend mier a üsne Strasse wunderbari Schlittelbahne gha. Besonders beliebt bi de Tages- und Abigschlittler sind d'Bieneheimstrass, d'Bahnhofstrass (wo mer a mene schöne Sunntig Konkurrenz vo de Schifahrer gha hed, wo vo der Ibergeregg cho sind und uf de Zug hend welle) 's Ängibärgsträssli vom Siechebachbrüggli abbe und d'Urmibärgstrass gsi. A diä winterlich Urmibärgstrass han-i vorig under anderem dänkt, wo n-ich behaupted ha, d'Seebner heigid immer öppis vom Wasser verstande. 's isch nämlich öppediä Eine, wo bim Brüggli unde de Rank nid vertwütscht hed, im nasse, chalte Bett vo de Seeberä glandet.

De viereggig Platz, wo-n-ich am Afang erwähnt ha, isch de Schuelhuusplatz gsii. Am Rand ufgreihti, fiinbletterigi Akazie und e grosse Nussbaum i der Mitti hend ihm e bsondere Charakter gä. Hinde hed er as Schuelhuus, obä a d'Chile und vore a d' Bieneheimstrass gränzt. 's Gfell gäg d' Strass und gäge diä undere Hüüser isch dur nes Müürli uusgliche worde. Det druuf hend alig d' Soldate d'Suppe und de Spatz us em Gamelledeckel glöfflet. ("Bueb chum, hol mer e Fläsche Bier!")
Der Platz hed üs zum Tschuute, Ziggi mache und Völkerball spiele dient. Viel hed mer au Räuberlis und Polizischtlis gspielt. I das Versteck- und Verfolgigs-Spiel hed mer d' Hüüser vo halb Vorderseebä und sogar 's Gädeli im Acherli ii-bezoge.
Zwüschet duurä isch mer sich es Füüfi lang diä heiss Stirn a der Schiibe vo der Beckerii Steiner gu chüele, hed am Kari bim Chrapfestäche zuegluegt und sich a sine lustige Grimasse ergötzt.

Wenn ich a "Alt Seeb„" dänke, tauchid nu vieli, vieli Bilder i mier uuf. Gsichter, Umriss, Szene. Klari und verschwummeni, schöni und weniger schöni, gfreuti und ungfreuti. Eh ja, es Dorf isch äbe nur es Abbild vo üsere grosse, bunt gschäggete Wält.

Oktober 1984 und September 1991

Willy Uf der Muur, geb. 1928

 


 

2. "Heiligi" und Original vo Alt Seebä

Ich wett üch hütt vo "Heilige" und vo Originale vo Alt Seebä verzelle. Heilige... z Seebä (?), da chömid iehr is Stuune !
Aber, Heiligi passid doch guet zu mene alte Wallfahrtsort, oder ?
Und söttid iehr bezwiifle, dass es z Seebä Heiligi gää hed, so gönd doch emal uf Chur oder uf Rom d’ Fische (Akte) vo de alte Seebner gu aaluoge !

Karl S.: gottesfürchtiger Mann, regelmässiger Kirchenbesucher, Mitglied des Dritten Ordens.
Hanna P.: herzensfromm, zündet jeden Tag vor der Gnadenmutter zwei Kerzen an, Liebeswerke im Mütterverein.
Franz A.: Nur an hohen Feiertagen in der Kirche zu sehen, schielt immer auf die Frauenseite (linksgerichtet).
Robert S.: Wohnt dem Gottesdienst stets unter dem Vorzeichen bei (Kalberhandel?).

Iiverstande, Heiligi nach chile-rächtliche Aaforderige heds z Alt-Seebä - drunder verstah-n ich s Seebä vo de driissger und vierzger Jahre - keini gäh, so wenig wie hütt, aber Fascht-Heiligi (und wahrschinlich au Schiin-Heilige), Lüüt uf all Fäll, wo mier siinerziit, us minere Buebesicht, fast als Heiligi vorcho sind.

Zum Biispiel: der Zeno Schilter. Er isch Wirt im Rosegarte gsii und hed im Züüghuus gschaffet, wie mänge andere Seebner au. Ich cha mich nümme a d Gsichtszüüg vom Zeno Schilter erinnere. Wo-n er gstorbe isch, bin ich nu e chliine Pfüderi gsi. Er muess diä Wält verhältnismässig jung verlah ha, denn sii Frau, e chräftig buuti, tüchtigi, schwarzhaarigi Person mit kunstvoll i-grolltem Runggeli hed nachher de Rosegarte nu jahrzähntelang i eigener Regie wiitergfüehrt. Vom Zeno Schilter hed mer gseid, er siig e grosse Maria-Verehrer und won-n er siini Seel am Schöpfer zrugg gä hed, hed mer sich verzellt, er heig nu uf em Totebett "Maria zu lieben" gsunge. Ich bi sicher nid der einzig Seebner gsii, wo das tüüf be-idruckt hed !

E wiiteri Person, wo mier dur ihri Frömmigkeit ufgfalle isch, isch d Wittfrau Marty gsii. Si hed a dr Siechebachstrass, der hüttige Bieneheimstrass gwohnt, im gliiche Huus wie de Zimmermaa Bärädii Marty. Mier Chinde hend immer d’ Ohre gspitzt, wenn mier am-ene Gspräch vo de Frau Marty hend chönne zuelose. Sie hed nämlich gnidwalderet. Am beste hed üüs ihres "prezeisi, prezeisi" gfalle, äs Wort, wo sie vill is Muul gnu hed.
D Frau Marty isch e starch verinnerlichti, fründlichi, liebi Person gsii und hed chuum e Mäss, e Rosechranz, ä Väsper versuumt. Wo ’s eines Tages gheisse hed, d Frau Marty heig sich s Läbe gnuu, sind mier Seebner us allne Wolke ghiid. E so ne frommi Frau, und sich s Läbe näh ! Was das bedüüted hed, i-nere Ziit, wo mer de Mänsche, wo friiwillig us em Läbe gschide sind, es christlichs Begräbnis verweigeret hed ! Sie siig schwärmüetig gsii, hed mer gseid. Erst i spätere Jahre ha-n ich mier chönne vorstelle, was das bedüütet. Wär’s ächt möglich, dass d’ Frau Marty nid immer nur us Frömmigkeit, sondern au us-ere innere Verzwiiflig oder us Vereinsamig so vill z Chile gange isch ?

Zu de Persone, wo mer jede Morge mid em Gebetbuech i de Hand uf de Strass hed chönne aaträffe, hend s Marie und s Anni zellt, zwee ender chliini, schrulligi Jumpfere. Sie sind pünktlich wie d Chile-Uhr i ihrne lange dunkle Röck d Hirschestrass duruuf z’schuene cho, de Barriere zue, hend chuum rechts und links gluegt, mit niemerem gredt und e rächt verschlossene und vergellsteräte Iidruck gmacht. Ich wett nu gärn säge, sie heigid a de Lüüte nid emal de Gruess abgnuh.
Gwohnt hend sie elei im grosse Huus vis a vis vo dr Urmibärgbrügg, im Egge zwüschet Hirsche- und Seeberestrass. Das Huus hed ihne ghört. Es hed es rächt grosses Umgländ ghaa, en Urwald fascht, mit mächtige Bäum, Strüücher, e chle Gras und mit eme Gmüesgarte. Das isch ihres Riich gsii und da hend si bi guetem Wätter vom Morge bis am Aabig mit Räche, Grabschuufle und Garteschääri ghantiert. Salad, Choolrääbli, Stangebohne, Gruuperli, Spinaad, Rüebli, Chabis und Gumeli, Himbeeri und Zwätschge us em eigene Garte hend si a Liib und Seel gsund erhalte. Nid emal d Milch hend si müesse zuechaufe. Sie sind nämlich stolzi Bsitzer vo zwee Geisse gsi. Will aber keis Gädeli i dr Liegeschaft gstande isch, heigid sie die bede Geisse i dr Wöschchuchi iigstallet ghaa, hed mer grad letzthii e vertruueswürdige Maa gwüsst z brichte. Eh jaa, warum au nid ! A de Wöschtäge heigid sie die beide Tierli ganz eifach vrusse a-mene churze Seili a nächst Baum bunde. Problem heigs nur im Winter gää, wenn si i der Wöschchuchi unde es Vollbad heigid welle nää. Aber au da heigid sie sich z hälfe gwüsst: sie heigid dene beide Geisse ganz eifach d Auge verbunde. Gsender, so züchtig sind die beide alte Jumpfere gsii.
Trotzdem si zu miine Fast-Heilige ghörid, sind s Marie und s Anni vo de Underseebner- und Urmibärgbuebe schwäär plaget worde. Gschuld draa sind sie sälber gsii. Hed e Büebel nämlich nur e chle am alte Isehaag grüttlet, wo d Liegeschaft iigfasset hed, oder öppe e Rossbole i Garte ine grüehrt, hend sie scho d Gable über em Chopf gschwunge und sind wie Fuurie derhär z flattere cho. Das hed de Buebe ja müesse gfalle !

E Maa, wo uf Grund siner Stellig au schon eis Bei im Himmel gha hed, isch de Sigrist Kari Litschi gsii. "Litschi-latschi füdletatschi, Litschi-latschi füdletatschi" hend mier Buebe hinder sim Rügge skandiert. Mii jünger Brüeder hed’s ihm einisch is Gsicht gsunge. S hed denn au Füdletatschi gäh, nid vom Sigrist - der hätt mim Brüeder niä möge nachespringe - sondern vo üsem Vatter.
Mier Buebe hend ne nu guet möge, de Litschi. Wenn er üüs bi kirchliche Aaläss au am Zügel gha hed, hend mier doch gmerkt, dass er s guet mid üüs meint. Eh ja, warum hätt er üüs denn suscht au i sinere Schuemacherwärchstatt glehrt, d Pfiife z rauke. "Wwwenn denn öpper chund, hesch d Pfpfpfiife undere Tisch undere," hed er üüs Tubaklehrbuebe iigschärft.
S isch schön und gmüetlich gsi, bim Litschi, i de chline Wärchstatt, is Lachers höche Huus ob dr Barriere, es Huus wo scho lang an-ere Strassekorrektur hed müesse wiiche. S hed vo Liim gschmöckt, vo verschwitztem Läder, vo Talg und äbe vo Tubak.
E Stuehl im Himmel hed er sich sicher mit em Flicke vo dene viele vertschienggete Schue verdient, wo sich da uf emene grosse Huufe i-mene Eggä gstaplet hend, e Huufe, wo trotz allem schaffe niä hed welle schwiine. D’ Lähne vom Himmelsstuel hed ihm aber sicher s Vorbätte iitreid. Mer hed ihn müesse ghörä, öppe uf em Bittgang zum Sankt Wändel uf Schönebuech, uf dem herrliche Spaziergang über Feld und Fluur, wo mer mängisch vor luuter Vogelzwitschger und Bluemeduft is Träume cho isch. Da hed üüs - nach enere churze Verschnuufpause under em Hügel mit em lüüchtend wisse Chileli - siis chräftig "Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Geist", wo irgendwo voore im lange Tatzelwurm wien es Rauchzeiche i Äther gstiige isch, brutal draa erinneret, dass mier nid ufere Schuelreis sind und dass die ewig Glückseligkeit nid mit Schwätze und Dummheite mache z’erringe isch.


"Selig sind die Armen im Geiste", hed üüse Herr gseid. Unabhängig dervo, wiä die Verheissig uus z legge isch, gid si mier d Glägeheit au de Seffi Ingli i mini Parade uufznäh. De Seffi Ingli isch nämlich schwachsinnig gsii. En Erwachsne i üsne Auge und doch es Chind. Es Chind wo meeh hed dörfe als mier, äbe, will er erwachse gsii isch.
Gwohnt hed er bi siine Eltere, ob em Gaswerch. Wenn mier alig is Acherli hindere gsprunge sind, zum verwitterete, lääre Gädeli, wo mier gärn i üüsi Räuber- und Polizischte-Spieli iibezoge hend, sind mier as Inglis Huus verbii cho. Denn heds chönne vorcho, dass d Türe vos Inglis chliinem Heim halb uuf- und hindrem Seffi wie vo Geischterhand wieder zuegange isch. Mid offnigem Muul hed de Seffi denn uf em oberschte Tritt vo dem Stägeli, wo is Vorgärtli und uf d Strass gfüehrt hed, um sich gluegt, hed vielleicht au nu mid eim Ohr di gflüsterete Ermahnige zur Kenntnis gnuu wo dur de Türspalt drunge sind und isch denn i di gross Wält uusgfloge.
Diä wo nu erwachsener gsii sind als de Seffi, hend ne gärn e chle uf d Rolle gschobe. Hend ne öppe i Lade vom Pius Steiner gschickt "I bi dumm" gu chaufe, zum Schriiner Bättschet es "Augemäss" gu vertlehne oder hend em susch e Chabis aa’gäh. Mier Chind hend nid vill chönne aafah mid em Seffi. S isch schwäär gsii sich mid ihm z’verständige, will bi ihm d Leitig vom Gmüet zur Zunge verschüttet gsi isch. Mier hend aber immer ufpasset, wohii er gahd, will er meistens gwüsst hed, wo im Dorf öppis los isch. Vielleicht hed e Kompanie Soldate uf em Rase vom Züüghuus-Areal uf nüüi Befähl gwartet ("... he, Bueb, gang hol mer es Päckli Parisienne!"); viellicht sind e paar Bahnwäge Militärross aa-cho (d Schleger hend es rots Mäschäli am Schwanz gha), wo druuf gwartet hend, vo de Soldate und vo de grössere Buebe i di verschiedene Ställ gfüehrt z wärde; viellicht isch d Arbeiterkolonie vo Züri iitroffe, wo jede Summer e paar Wuche lang i der Jugendherbärg hinderem Rössli ghuuset und sich im Dorf mit ere Aatritts-Polonaise bemerkbar gmacht hed. De Seffi hed daa nid dörfe fähle, so wenig wie mier - au wenns der Herr Kaplan nid gärn gseh hed - und erst rächt isch er derbii gsii, wenn öppe es Muusig- oder am Urmibärg änne es Waldfäscht über d Bühni ggange isch.
Am Güdelmäändig isch er der erst Maschgrad uf de Seebner-Strasse gsii. Mier hend s erwachsnig Chind Seffi Ingli immer sofort erchännt, will er e chle ghunke und s Hinder wie ne Kooferruum i d Luft use gstreckt hed. "Sindsoguet Maschgraad, sindsoguet!" hemmer-e inbrünstig aabättlet, au wenn mier zum voruus gwüsst hend, dass üüsi Händ läär bliibe wärdid. Mier hend ihn nämlich ernscht gnuu als Maschgrad und das isch der einzig Jux gsii, wo mier chliine Chind üüs mit em erwachsnige Chind Seffi Ingli s Jahr duur erlaubt hend.

Grossi Achtig erfüllt mich, wenn ich a mii letscht Fascht-Heilig dänke, wo-n ich üüch hütt wett vorstelle. De Himmel isch ihm i miine Auge so sicher gsii wiä üüs junge Sünder s Fägfüür... und d Tatze vom Herr Lehrer Ruuchestei. Es isch de Kaplan Blunschi gsii. "Herr Kapalan", hed mer ihm gseid und sinere Huushälteri, "am Herr Kapalan sini Chöcheni".
De Herr Kaplan Blunschi isch e ganz e gottesfürchtige, fromme Maa gsii, wo nur eis Ziel gha hed, nämlich, das hinderscht und eint vo sine Schäfli is Paradies z’ füehre. Jubel, Trubel und Heiterkeit hend sich nid mit sinere Läbesuffassig vertreid. Er isch de Seebner immer mid ere ernschte Miine begegnet, vielleicht will er g’ahnt (und vom Biichthöre au gwüsst) hed, wieviel verderbliche Allotria i ihrne Chöpfe umegeisteret. Einzig mit de Chliinschte, im Sportwägeli oder as Muetters Hand hed er sich es Gspässli erlaubt. Denn isch er i siinere bodelange, vo z oberst bis z unterst zueknöpfte Soutane mit churze, schnelle Schrittli uf das Chind zue träbelet, isch vor em staah blibe, hed gstämpfelet und derbi de Stockspitz la zwirble, als wett ers damit am Büüchli gu chutzele. Und denn, nu bevor das Chindli hätti chönne Angst übercho, hed er nach e paar zackige Chopfbewegige sis Gsicht zu mene fründliche Lache verzoge.

De Kaplan Blunschi hed d Seebner a straffe Zügle gha, aber was er prediget hed, hed er ne au vorgläbt. Nur... musikalisch isch er gar nid gsii... eigentlich au e Vorussetzig für e Himmel, so wie-n er ne üüs mit villne Vorbehalte i Uussicht gstellt hed. Er hed’s nämlich gar nid gschätzt, wenn d Seebner Buebe ihm im Religionsunterricht mid de Schriibfädere, wo si im Klappdeckel vo de Schuelbänk igchlämmt gha hend, es Konzert vortreid hend.
Jetzt wüssid iehr au, wiä schwäär s di "Heilige" im Alte Seebä gha hend!

"Und d’ Seebner Original", fragid iehr, "wo sind jetzt diä ?" Was meintid iehr, wenn mini Seebner-"Heilige" für hütt diä gliiche Lüüt wärid wie mini Seebner Original ?

Sept. 1991
Willy Uf der Muur, geb. 1928

 


 

3. Mid em Seffi im "Wilde Seebä"

De Seffi Schueler, mii Komuniongspane, isch es grings, bleichs Bürschtli gsii, i sine eigne Auge aber de Winnetou, de Buffalo Bill, de Rolf Torring, de Pongo, de Häuptling Starker Bär und de Tarzan in einer Person. Das sind üsi Buebe-Idool gsii und wenn mier bim Ostergädeli am Urmiberg obe oder uf de abgmäähte Streuirieter hinderem Siechebach gäge d Sioux oder gäge ne orientalische Räuberbandi gkämpft hend, hed er für sich immer d Helderolle beansprucht.

S Wettä isch en anderi Liideschafte vom Seffi gsii... und er hed sich derbii mit de Iisätz nid la lumpe. "Ich wette mit dier hunderttuusig Franke, du magsch nid über de Haag übere gumpe ! Ich wette ä Million, du chasch nid bis zu dem Baum füre uf eim Bei hüpfe ! Ich wette füfzg Billione, du chasch nid ohni Fähler vo hundert uf eis zrugg zellä !" So hed er mich körperlich und geistig uf Trab ghalte. Wie mer sich öppä cha dänke, hed de Seffi am Ändi vo sinere Schuelziit e Huufe Wettschulde hinderlah. Ich glaube, ich muess jetzt de gliich einisch uf Basel abbe gu luoge, öb er nid öppe i der Zwüscheziit Milliardär worde isch.

De Seffi hed, wie gseid, sini Chräft gwaltig überschätzt. Immer wieder hed er mit mier welle schwinge und chuum isch er alig wieder under mier füre gchroche gsii, hed er sich scho wieder breitbeinig vor mich gstellt. "Nu einisch," hed er denn hitzig gforderet, "aber das Mal mag ich dich!" So isch das gange, drüü, vier, füüf Mal, bis mier das Ganz zum Hals uus ghanget isch oder öppe eine es Loch im Strumpf oder e Schranz i de Hose gha hed.

Er isch mer mängisch lästig worde, de Seffi. Scho am früehe Vormittag, wenn ich i de Stube am Zeichne gsi bi oder mich in es Spiel vertüüft gha ha, hed er mer vrusse afe rüefe. "Wiili, Wiiili, Wiiiiiiiilie !" I allne Tonarte hed er versuecht, mich vruuse z locke. Sicher, mier hend mängi schöni Stund mitenand erläbt, aber es hed mi eifach gstört, dass ich vom Morge früeh bis am Abig zu siinere Verfüegig hätti sölle stah. Er isch äbe ä Nachzügler gsi; sini Brüedere und Schwöschtere sind bereits im Erwärbsläbe gstande und so isch s ihm meistens z langwiilig gsi.

Ich ha-n einisch bhauptet, mir Seebner heigid immer öppis vum Wasser verstande. Derbii han-i a Siechebach dänkt, wo i sim Bett hed chönne rumple, dass mer hätt chönne meine, i dem vo Stuude und Bäume gsüümte, holprige Hohlwääg sig a Legion vo römische Soldate mit Zweirederchärre underwägs; ja de Siechebach ha-n-i vor mir gseh, wo meh als einisch s aagränzendi Wiesland mit Schlamm, Gröll und Wurzelstöck überschwämmt und sini Brüeh e paarmal vom Brüggli durs Ängibergwägli durab bis is Dorf ine gschickt hed. Ich ha au a d Seeberä dänkt, es Flüssli nur, aber eis, wo i minere Jugedziit Truur und Leid is Restaurant Chrüz und i anderi Seebner-Stube treid hed. Ich ha a Lauerzersee dänkt, diä herrlich Gunte, wo üüs Chinde d'Glägeheit botte hed, s Wasser als Quell vo Läbeslust und -freud, als es wandelbars Elemänt au mit viele Tücke z erfahre.

Mänsche wo sich überschätzid, läbid gfährlich. Das hed au für de Seffi gulte. So simmer einisch bim Siechebach anere gemeine mexikanische Vehräuberbande ufghocket. Mier hend diä bärtige Manne scho gfange gha, aber eine vo dene Gauchos hed chönne uf ene Baum flüchte, wo fast waagrecht übere Bach ghanged isch. Als Sheriff hed de Seffi nid lang ume gfacklet; muetig hed er sich a d Verfolgig vo dem Schelm gmacht. Wo-n er aber wie nes Fuultier a dem Baumstamm ghanget isch, hend ihn d'Bärechräft plötzlich verlah und er isch wie ne Stei is Bachbett plumpst... zum guete Glück in ene schöni, flachi Gunte.

Mit em Wasser hed de Seffi au einisch am Uusfluss vom Lauerzersee Bekanntschaft gmacht. Mier sind am "Metteli bade" gsi und hend geduldig üüsi Ruete übers Wasser use gha. 's hed kei Hai a-bisse, aber d'Seebere hed a dem Tag en andere grosse Fisch zable gseh... de Seffi, wo plötzlich s Übergwicht übercho hed und wie ne Chegel is Wasser gkippet isch.

Schifflifahre isch schöne Sport. Am schönste isch s Ruedere amene frische Sunntigmorge, wenn de See wie ne Spiegel daliihd. Z'dritte simmer gäge Weste gfahre und wo mier i de Nöichi vo der Insle Schwanau gsi sind, hed üs es Schiffli mit Büeble vo Steine gchrüzt. Das wär ja nüd Ussergwöhnlichs gsi, hättid die Schnuderbuebe nid anere Schnuer es Spielzüüg-Holzschiffli nachezoge. Das heds nid vertlitte! Wenn mer imene Schiffli inne hockt und nid grad sälber am Ruedere isch, luegt mer ja sowieso immer nach ere Abwächslig uus. Das Holzschiffli hed drum üüsi aagebornig Eroberigslust gweckt. Es hed müesse kaperet werde! Als ächti Lauerzersee-Pirate hend mier sofort d Verfolgig vo dere Fregatte ufgnuh und wo mier sie iigholt gha hend, hed üse Ruederer d Schiffmannschaft vom fremde Seeschiff mid em flache Rueder afe aasprütze. Diä hend üüs das mit gliicher Münze heizahlt. De Seffi hed die Wasserschlacht so uufregend gfunde, dass er uufgstande isch. So hed er meh Luft übercho, um sie mit Chriegsghüül und frächem Lache a-zfüüre. Aber nid lang, nu bevor mier d Schnuer mit em Schiffli hend chönne packe, hed er s Gliichgwicht verlore. Plumps, isch er is chalti Vorsummerwasser taucht. Es hed e chle gsprützt, es paar Wälleli gäh. Aber nid wäge dene hed üses Ruederboot gschauklet und sich bedenklich uf d Siite gleid, sondern will sich de Seffi verzwiiflet mit bede Händ am Schiffsrand agklammeret hed. Mier hend ihn denn chönne a Bord zieh, aber s Schiffli, wo mier hend welle erobere, isch üüs i der Zwüscheziit dur d Latte. Mier hend em Seffi sini Sunntigschleider später i de Badi z Seebä uf em Rand vom Bassin uusgleid. Er hed e gueti Stund müesse i de Underhose uusharre, bis sie sowiit trochned gha hend, dass er ohne Uufsehe z errege hed chönne heizue springe.

Willy Uf der Muur, geb. 1928

 


 

4. Schwimm- und Badekultur in Alt Seewen

Vom Bademeister Ott, "Brättli zieh" und "Flosskippen" am Lauerzersee

Das eindrucksvolle Spektakel des zehnten Schwanauschwimmens (1988) erinnert mich daran, dass es schon in meiner Jugendzeit am Lauerzersee eine Schwimm- und Wasserspielkultur gab. In den Dreissigerjahren hatten wir Buben in Seewen die Wahl zwischen dem "Seemattli", der "alten Badi" und der gemeindeeigenen Badeanstalt. Anfänglich zog es uns meist in die sogenannte "alte Badi", weil es hier nichts kostete und weil wir tun und lassen konnten, was uns beliebte. Die "alte Badi" war unbeaufsichtigt, es stand auch kein Gebäude dort. Sie bestand aus einer langgezogenen, von Schilfbeständen eingefassten Magerwiese, westlich des Gründelisbaches und aus einigem Buschwerk, in dessen Schatten wir unsere Hosen, das Hemd und unser Znünipäckli hinlegten. War die Wiese abgemäht, diente sie uns als Spiel- und Fussballplatz. Eine schmale Lücke im Schilf verschaffte uns Zugang zum See. Gerne hätten wir uns im Verlauf unserer hitzigen Spiele jeweils direkt ins kühle Nass gestürzt. Dies ging leider nicht, denn der Untergrund des seichten Ufers war recht steinig. Obwohl wir die Lage der grösseren Steine kannten, schlugen wir uns doch unzählige Male die Zehen daran wund. Bis uns das Wasser am Bauchnabel stand, musste also vorsichtig das Bein angehoben und abtastend Fuss vor Fuss gesetzt werden. Willkommen war uns einzig der grösste, ebenfalls unter Wasser stehende Brocken, da man von ihm aus vergnüglich ins Wasser hechten konnte.

***

Weil eine geschützte Umkleidemöglichkeit fehlte, war die "alte Badi" ausschliesslich uns Buben reserviert. Als wir dann zu ahnen begannen, dass sich die Mädchen nicht nur durch ihre langen Zöpfe von uns Buben unterschieden, wechselten wir in die Gemeinde-Badeanstalt hinüber. Diese verfügte zwar über getrennte Bassins und getrennte Liegewiesen - links die Frauen, rechts die Männer... wie in der Kirche - bot uns aber zumindest an der Kasse und im offenen Wasser Gelegenheit, frische, süsse Mädchenblicke einzufangen.

Die ehemalige Badeanstalt war in den Lauerzersee hinausgebaut. In der Mitte stand auf festen Pfählen das Bademeisterhäuschen mit der Kasse; rechts und links davon angeordnet lockten die beiden Bassins. Diese besassen einen Rostboden aus Latten, der sich mit einem Kettenzug höher oder tiefer stellen liess. Die Bassins waren vom Seewasser durchflutet; ganze Schwärme von Hasli wechselten vom See in die Bassins und zurück. In den schattigen Ecken, bei den Pfählen, standen die prächtig gestreiften, stacheligen Egli und bei unruhigem Wasser war die ganze Badeanstalt von einem unterhaltsamen Plätschern, Gurgeln und Glucksen erfüllt.
Die Bassins waren Lehrschwimmbecken und Tummelplatz in einem, je nachdem wie tief der Lättliboden stand. In der Regel liess es sich vergnüglich von der Seitenberandung aus in die Bassins springen, an den Rändern hangen, gleichzeitig mit den Füssen an den Wänden hinaufspazieren und die Übung - unter Zuklemmen der Nase - mit einem Rückwärtshecht oder gar einem Wasserpurzelbaum abschliessen. Von einmaliger Originalität war das "Brättli zieh", mit dem sich auch jugendliche Nichtschwimmer auf spielerische Art mit dem nassen Element vertraut machen konnten, und das allemal gut genug war, um wenigstens den "Hundsschwumm" zu erlernen. Wir Buben tauchten zu diesem Zweck auf den Bassingrund hinab, klammerten uns dort an den Rost und zogen uns dann mit übergreifenden Armen den schleimigen Latten entlang ans jenseitige Bassinende. Zuweilen gab es organisierte Unterwasserstafetten und manchmal wurde in edlem Wettstreit das Bassin gar zwei- oder dreimal durchquert. Wer es am längsten unter Wasser aushielt, war dann natürlich der "Siebesiech".

***

Ausser dem Sprungturm, der auf der rechten Bassinberandung der Männerseite stand, gab es in der Badeanstalt, auf dem See draussen, noch zwei Flosse, das sogenannte "Grosse Floss" und das "Kleine Floss". Die beiden Flosse waren mehr Spielgerät als Rastplatz. Zum "Sünnelen" waren sie selten geeignet, denn meist ging es auf den Flossen zu wie auf dem Flugbrett eines Bienenstockes. Die Flosse lagen flach auf dem Wasser und hatten keinen Steg. Wer sie anschwamm, klammerte sich an ihren Rand und hisste sich mit einem kräftigen Ruck hinauf. Der Bauch küsste den stets nassen Bretterboden, die Beine lagen noch im Wasser. Eine Drehbewegung und man hockte dann auf dem Rand... kaum lange, denn schon versuchten starke, schlüpfrige Arme den Neuankömmling wieder ins Wasser zu stossen. Stundenlang und variationenreich konnten wir auf den Flossen spielen und toben, denn diese waren sehr beweglich und liessen sich in das mutwillige Treiben einbeziehen.

***

Ein Wasserspiel, wie ich es kaum je anderswo gesehen habe, war das "Flosskippen". Befanden sich nämlich mehrere Schwimmer auf dem Floss, begannen sie sich meist in schweigender Übereinstimmung und mit erwartungsfrohen Mienen am gleichen Flossrand anzureihen. Bald begann sich das Floss zu neigen; zuerst stand man mit den Füssen im Wasser, dann wurden die Beine nass. War der Rand lückenlos mit Schwimmern besetzt - und dies war oft der Fall - ragte der gegenüberliegende Flossrand innert zwanzig Sekunden steil wie die Eigernordwand in die Luft. Dann war der Augenblick gekommen, in welchem die Randleiste den Füssen zu wenig Halt mehr bot, worauf sich die Front der Mitspieler mit den Armen rudernd unter erregten Schreien und glucksendem Gelächter rücklings ins aufspritzende und aufbrodelnde Wasser warf. Es war ein Wasserplausch, dem bei angenehmer Wassertemperatur oftmals den ganzen Tag gefrönt wurde, unterbrochen einzig von den Zwangspausen, die uns der gegenüber gelegene Steinbruch auferlegte. Wenn dort das Horn ertönte, wurde gesprengt; dann mussten alle ans Ufer, unter das schützende Dach der Badeanstalt.

***

Noch eine Besonderheit des Badeanstaltbetriebes am Lauerzersee ist erwähnenswert, und wäre es bloss, um die Erinnerung an den Bademeister Ott wachzurufen. Es ist dies die "Schwimmprüfung"! In meiner Jugendzeit - und vielleicht solange die Badeanstalt bestand - musste jeder Jugendliche, bevor er in den offenen See, aufs Floss, hinausschwimmen durfte, vor dem Bademeister eine Schwimmprüfung ablegen. Diese galt als bestanden, wenn der Kandidat ohne Zwischenhalt dreimal das Bassin umschwimmen konnte. Die Prüfung erfolgte gruppenweise oder auch einzeln und zu jeder Zeit; man brauchte sich nur beim Bademeister zu melden. Bademeister Ott, in seiner Haupttätigkeit Berufsfischer auf dem Lauerzersee, war ein grosser, hagerer, muskulöser Mann mit gegerbter rostbrauner Haut, tiefliegenden Augen und kräftiger Nase. Ein Kopffederschmuck... und man hätte ihn in einem Indianerfilm mit Friedenspfeife mitten in eine Sioux-Runde setzen können!

Die Schwimmprüfung begann, sobald sich der Fensterflügel des Bademeisterhäuschens über dem Bassin in den Angeln drehte und das Bild eines nackten Oberkörpers und das hoheitsvolle Gesichtsprofil des Bademeisters freigab. Den linken Arm lässig auf das Fensterbrett gestützt, den Körper halbwegs abgewendet, pflegte er mit einem Kopfzeichen seine Einsatzbereitschaft anzukünden. Während dann die Kandidaten mit letzter Kraft im Bassin herumruderten, liess Bademeister Ott - soweit es ihm die Zählarbeit erlaubte - unter schweren Augenlidern den Blick in die Runde wandern, einmal ins bewegte Bassin, dann wieder ins Innere des Bademeisterhäuschens, dessen Enge er mit den Kabinenschlüsseln, den Korkschwimmgurten, den Rettungsringen, den Zuckerbohnen, den aufgehängten Leihbadehosen und mit seiner schwarzhaarigen, kleinen, rundlichen Frau teilen musste. "Isch guet, chasch dri-use!" hiess es dann etwa nach bestandener Prüfung. Es gab kein Diplom und keinen Ausweis. Bademeister Ott kannte jeden, wirklich jeden und wehe, wenn sich ein Mädchen oder eine Knabe ohne Schwimmprüfung "ins Tiefe" hinaus gewagt hätte. Ein lautstarker, polternder Verweis wäre das mindeste gewesen. Den Tarif gab er bekannt, auch dann, wenn wir Buben uns einmal auf die Liegewiese der Mädchen verirrten oder die Segeltuchvorhänge der Umkleidekabinen mit Lianen verwechselten. ("Wend iehr ächt diä Vorhäng i Rueh laa, iehr Saperlänter!") Recht hatte er! Wir gehorchten dem sonst friedliebenden Mann denn auch (meist) aufs Wort, sahen wir doch ein, dass Schlingel, wie wir es waren, auch beim Schwimm- und Badeplausch in "Alt Seebä" an die straffen Zügel der Sittsamkeit und der unübersehbaren eingerahmten Badeverordnung gehörten.

Willy Auf der Maur, geb. 1928
(Erzählung in der Schwyzer Zeitung vom 26.7.1988 veröffentlicht)

 


 

5. Mit Seffi auf den Haggen

Mein Schulkamerad Seffi hatte im Haggen droben eine verheiratete Schwester. Es ist deshalb absolut verständlich, dass dieser grüne Hügelzug nördlich über unserem Talkessel sein Berg war. Unzählige Male bekam ich es von ihm unter die Nase gerieben.

Das Ärgerliche für Seffi war, dass auch ich einen Berg besass, den Rossberg nämlich, unter dessen Gipfelkrete unsere Familie einmal in einer einfachen Alphütte einige Wochen Sommerferien genossen hatte. Und noch mehr wurmte es ihn, dass der oberste Gupf des Rossberges fünfzehn Meter höher ist als die höchste Kuppe des Haggens. "Ja, aber wenn der Wildspitz nicht wäre, dann wäre der Haggen höher," pflegte Seffi unbeeindruckt einzuwenden. Worauf ich ihm jeweils erwiderte: "Und wenn das Hochstuckli nicht wäre, dann wäre wieder der Rossberg höher."

Eines Tages, es war anfangs des zweiten Weltkrieges, flog der Familie meines Spielgefährten die frohe Botschaft ins Haus, man habe droben im Haggen ein Schwein geschlachtet und man halte ihr einen angemessenen Teil der angefallenen Schlachtprodukte, feine frische Blut- und Leberwürste, Wädli, Schnörrli, Füessli, vielleicht einen Schinken, eine Seite Speck sowie einige Hämpfeli Gräubi und Schmer im Keller aufbewahrt.

Ich möchte weder der wackeren Bergbauernfamilie noch ihren Lieben im Tal unterstellen, der geplante Transfer hätte ausserhalb des Rahmens der damaligen Gesetze stattfinden sollen, wäre es doch möglich gewesen, dass das Tier Kollektivbesitz beider Parteien war.

Item, in der schweren Zeit, da die Landjäger befugt waren zu jeder Zeit in die Taschen und Rucksäcke der Passanten zu gucken, da die Neider besonders scharfe Augen hatten und es unter ihnen auch Denunzianten geben mochte, blieb die vorgeschlagene Überführung - Rechtmässigkeit hin oder her - eine heikle Angelegenheit. Ein zuverlässiger Kurier musste her und dieser war in den Augen seines Vaters - der dem Meister mitten in der Woche die Arbeit nicht liegen lassen konnte - mein Spielgefährte.

Wer Seffi näher kannte, musste ihm zweifellos ein gutes Orientierungsvermögen zugestehen. Er war ein aufgewecktes, wenn auch etwas verträumtes Bürschchen, hatte im alten Schulhaus in Seewen bei der gütigen Ordensschwester Selma das Einmaleins so rasch gelernt wie jeder andere und die Hürden der Klassenübertritte jeweils mit Leichtigkeit übersprungen.

Seine Mutter, ein feingliedrige Frau mit sanfter Stimme, meldete jedoch Bedenken an. Seffi war das Nesthäkchen der Familie, ein lebenshungriger, neugieriger Nachzügler, ein Bub der wahrscheinlich seine Zeit im Mutterleib nicht hatte abwarten mögen. Dies könnte erklären, warum sein Körper in der Entwicklung etwas im Hintertreffen war. Seine Mutter mochte ihm noch so schauen, er blieb, verglichen mit seinen Klassenkameraden, stets ein Leichtgewicht.

Er selbst mochte dies jedoch nie akzeptieren! Als Opfer seiner Wunschträume bildete er sich gar ein, grösser und kräftiger als alle seine Klassenkameraden zu sein. Vielleicht war er sich dessen aber doch nicht so ganz sicher. Jedenfalls wurde er nicht müde, sich selbst dauernd neue Beweise der Überlegenheit zu liefern. So wurde die Heldenrolle bei unseren Spielen in Feld und Wald stets von ihm beansprucht. Und ruhte er sich in Mutters Stube von unseren Buben-Abenteuern aus, vergnügte es sich damit, anhand eines abgegriffenen Atlas’ für seine Alterskameraden bestimmte knifflige Fragen auszudenken:

- Welches ist der höchste Berg Südamerikas?
- Wie heisst der längste Fluss Europas?
- Wie tief ist der tiefste Binnensee Sibiriens?

Seinem geographischen Fragenkatalog waren keine Grenzen gesetzt und so führte ihn sein Atlas ohne allzu grosse Mühe von einem voraussehbaren Erfolgserlebnis zum anderen.

Seine Mutter indessen vermochte die Kräfte und Fähigkeiten ihres Sohnes gar wohl abzuschätzen. Sie wusste, dass er zur Überbewertung seines Persönlichkeit und in der Folge zu unüberlegten Handlungen neigte. Sie konnte es an seinen Kleidern ablesen, wenn sie abends unter tief hinabgezogenem, gefransten Lampenschirm die hölzerne Stopfkugel in die Kniekehle seiner Strümpfe schob, wenn sie einen Flicken auf seine Hosen nähte oder seinen Pullover wusch. "Was hesch au wieder gmacht, Seffeli?" mochte sie vor sich hingeseufzt haben, wohl wissend, dass die Frage ohne Antwort blieb. Was hätte er schon geantwortet, wäre er nicht bereits unter rotweiss karierter Decke selig träumend in Morpheus Armen gelegen. Das Loch im Strumpf wäre einem übermenschlichen Kampf gegen eine erdrückende Übermacht an Rothäuten zuzuschreiben gewesen, der Schranz in der Hose seiner Flucht vor einem ausgehungerten Krokodil, der klebrige Schmutz am Pullover der selbstlosen Errettung eines Freundes aus einem Schlammloch des heimtückischen Riedmattli-Sumpfes.

Wie gesagt, seine Mutter muss es gar nie versucht oder längst aufgegeben haben, ihn jeweils zu befragen. Sie sah aber klar und war nicht bereit, Seffeli ohne Begleiter auf den Haggen zu schicken. Es musste jemand an seiner Seite gehen. Jemand, der ihn beschützen und in jeder Situation zur Vernunft bringen konnte. Jemand, der ihn davon abhalten würde, Dörigs starken Buben über den Hag hinweg unfreundliche Worte zuzurufen. Jemand, der ihn warnen mochte dem lieben Mann zu folgen, der ihm im nächstgelegenen Gädeli junge Kätzli zeigen wollte. Jemand, der Seffeli beistehen konnte, sollte bei der Rückkehr in der Abenddämmerung, vom köstlichen Duft der Fleischwaren angelockt, ein verirrter Steppenwolf aus dem Gebüsch brechen, um sich Seffelis Rucksack zu schnappen. Jemand, der ihm in dieser Not befehlen würde aus den Riemen zu schlüpfen und die Flucht zu ergreifen (geradeso, wie sein biblischer Namensvetter, der keusche Josef, behände aus den Ärmeln geschlüpft war, nachdem ihn Putiphars Weib in unzüchtiger Begierde von hinten angeschlichen und ihre Hände in seinen Rock verkrallt hatte). Jemand, der zumindest schreiend fliehen und Zeugnis vom grausigen Geschehen hätte ablegen können!

Am Tag nach Erhalt der guten Nachricht trat Seffi schon wenige Schritte oberhalb unseres Dorfes dem erwählten Leibwächter - es war dies meine Wenigkeit - breitspurig in den Weg und fragte ihn mit erwartungsfroh glänzenden Äuglein: "So, wo giengsch jetzt dure?" Seffi hatte offensichtlich seine eigenen Vorstellungen von unserem Reisetag: er schien ihn, wie schon so manch anderen, zum "Tag der Triumphe" erkürt zu haben.

Der Haggen ist ein breiter und beachtlich hoher, jedoch recht gut überschaubarer Berg. Einige der niedrigen, geraniengeschmückten Häuser und der grauen Viehställe die sich an seine sonnigen Flanken schmiegen, verstecken sich jedoch hinter den Wipfeln der Wäldchen, mit denen seine verschiedenen Bachläufe ausgepolstert sind. Andere wieder ducken sich scheu hinter die sattgrünen Kanten kleiner Geländestufen. Ich hatte keine Ahnung, hinter welchen weissgetünchten Mauersockeln die Sau ihr Leben hatte lassen müssen und hätte ich es gewusst, wie hätte es mir möglich sein sollen, im Gewirr der verborgenen, sich kreuzenden Wiesenpfade und Karrenwege die direkteste Route zu unserem Ziel aufzuspüren. Es blieb mir also keine andere Wahl, als zu raten. "Hiä," sagte ich und zeigte nach links. "Ja", musste ein sichtlich enttäuschter Seffi kleinlaut zugestehen.

Wir trippelten auf schmalem, grasigem und von hohen Obstbäumen gesäumtem Weg durch die Wiese des Rotachers, durchschritten auf roher Steinplatte eine hohe Brombeerhecke (unter deren dichten Gewölbe ein dünnes Wässerchen murmelte) und nahmen darauf bei Schnürigers Heimwesen den ersten Hang des Haggen in Angriff. Ab hier verlieren sich meine Erinnerungen in einem Irrgarten von Gehölzen, Wäldchen, Rinnsalen und Gräben, von feuchten Magerwiesen und Rietern, in denen übereinander angeordnete Euschli (Heuschober) Wache über die weissen Watteköpfe der Wollgräser, die purpurnen Blüten der Knabenkräuter, die Fleischblüemli, Schlüsselblumen und lilafarbenen, zarten Mehlprimel hielten.

Eines dieser Euschli lag hart an unserem Weg. Hier lud uns ein rohes Bänklein ein, unsere bereits etwas müden Beine auszustrecken. An die verwitterte Bretterwand des Heuschobers gelehnt, blickten wir abwechslungsweise über das Land und in die enge Öffnung unserer Rucksäcke, knabberten an einer trockenen Brotscheibe (Mutter schärfte uns zu jener Zeit ein, beim Beck Steiner jeweils ausschliesslich vortägiges Brot zu verlangen), bissen herzhaft in den mitgebrachten Apfel und atmeten dabei die miefen Düfte eines abgestandenen Holunderstrauches und einiger vorwitzig zwischen den Balken der Heudiele hervorlugender verblichener Heubüschel ein.

Auch spähten wir neugierig durch ein Astloch der Gadentür. Nun, viel war nicht zu sehen: ein niedriger Raum mit verschmutzten schlampigen Spinnenfäden, ein einfacher Tisch, unordentlich hingelegte Rechen, eine mit ihrer Blattspitze an verstaubtem Gesims eingehängte Sense, ein umgestülpter Weidenkorb und, an der Wand an einen Zimmermannsnagel gehängt, zerfranste Stricke und polierte Trüöglen (spitz zulaufende Holzstücke mit grossem rundem Loch, die bei Heufudern oder Heubürden dem Festziehen und Fixieren der Seile dienten), auf einem Sims eine bauchige Chiantiflasche und ein mit Wachsresten verzierter Kerzenständer.

Seffi gab sich bei unserer Znünirast heiter und gesprächig, doch blieb ihm eine kleine, nicht zu übersehende Spannung ins Gesicht geschrieben. Die herbeigesehnte Stunde des Triumphes hatte bisher auf sich warten lassen. Ein Dutzend Mal schon, bei jeder Wegverzweigung, bei jeder Borte, war er mir in den Weg getreten, hatte er mir die "Gretchenfrage" gestellt. Und immer hatte meine glückliche Hand in die richtige Richtung gezeigt.

Frisch gestärkt setzten wir bald unsern Weg fort. Immer kleiner wurde die silberne Fläche des Lauerzersees, immer verhaltener drang das Rumpeln der Personen- und Güterzüge der Gotthardlinie an unser Ohr. Wir mochten annähernd zwei Stunden auf dem Weg gewesen sein, als uns eine dichte, die ganze Breite des Hanges besetzende Stauden- und Dornenhecke den Weg abschnitt. Der Pfad bog vor ihr links ab, um hinter einer nahen Geländewölbung zu verschwinden. Ein schwach ausgeprägter Abzweiger zwängte sich jedoch durch eine Lücke des mit Buschröschen, Regenblumen (von denen man keine abzwacken durfte, da es sonst in Kürze zu regnen begonnen hätte) und mit kleinen, bunten Schnecken geschmückten Lebhages. Wie man leicht feststellen konnte, führte dieser Pfad zu einem etwas höher gelegenen, älteren, heimeligen Gadenhaus. Es war dies das Zuhause von Seffis Schwester. Doch, wie hätte ich dies wissen können!

"So, wo giengsch jetzt dure?" frug mich Seffi... für heute zum letzten Mal. Ich zeigte nach links, Richtung West, eben auf den breiteren, unterhalb der Hecke verlaufenden Weg. Da ging Seffis Gesicht mit einem Schlag in die Breite, verschwanden seine Augen in dunkeln Schlitzen. Und dann platzte er triumphierend heraus: "Falsch, falsch, falsch... haa, du hättisch s Huus vo minere Schwöster niä gfunde!"
Was wollte ich ihm schon entgegnen. Ich trat hinter ihm durch die Hecke, bemerkte wie sich ein Fenster des Hauses öffnete und wie eine Frauengestalt uns freundlich zuzuwinken begann. Seffis Schwester empfing uns unter der Haustüre. Ein schwarzweisses Kätzchen strich mit erhobenem Schwanz um ihren knöchellangen, dunkelbraunen Rock.

Eben tauchte westseitig, ein Steinwurf weit vom Haus entfernt, Briefträger Betschart auf. Er hatte den obersten Knopf seiner Uniform geöffnet. Er erblickte uns, hob grüssend zwei Finger an den Rand seiner Dächlimütze, tat auf waagrecht heranführendem Pfad einige Schritte in unsere Richtung und rief Seffis Schwester unter grossem, dichtem Schnauz hervor zu:"Ich ha leider nüüd für üüch!" Dann kehrte er zum offenen Holztörli zurück und begann jenseits eines Lattenzaunes in gerader Linie abwärts zu steigen. Beim Lebhag angekommen bog er links ab. Nun wurde mir klar, dass, mit einem kleinen Umweg, auch "meine" Route zum Ziel geführt hätte!

Briefträger Betschart wurde nun samt Käppi und lederner Riementasche von den hohen, dichten Schossen der Hecke verschlungen. Wären wir nicht gerade ins Haus gebeten worden, hätten wir ihn durch die Lücke im Lebhag nochmals einige Augenblicke lang mit sicherem, festem Tritt zu Tale eilen sehen!

Willy Auf der Maur, geb. 1928